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Kommen Sie ruhig näher: Kommunikation auf Herzhöhe

Die zwischenmenschliche Kommunikation ist weit komplexer und fragiler, als manche Lehrbücher uns glauben lassen möchten. Zwar mögen im professionellen Flugfunkverkehr die Rollen und Botschaften von Sender und Empfänger klar geregelt sein. Das ganz alltägliche Gespräch von Angesicht zu Angesicht aber gleicht einem babylonischen Irrgarten voll seltsamer Blüten und versteckter Abzweigungen. Manchmal kaschiert das Gesagte nur das Wesentliche, das unausgesprochen bleibt. Und was ausgesprochen wird hat wiederum oft erstaunlich wenig mit der Botschaft zu tun, die beim anderen ankommt. Der Werber Lindo Ganarin wirft heute einen Blick auf die häufigsten Stolpersteine beim Gedankenaustausch und gibt Anregungen für eine offenere, herzlichere und unverkrampftere Art der Kommunikation.

Was A sagt, ist B womöglich schnurz

«Kommunikation auf Augenhöhe» ist heutzutage in aller Munde. Und in der Theorie funktioniert das auch wunderbar; bei Ameisen womöglich auch in der Praxis. Doch unter Menschen bleibt die Augenhöhe oft ein frommer Wunsch, denn sie basiert auf der Annahme, dass sich der eine dafür interessiert, was der andere zu sagen hat. Kein Wunder, schliesslich ist der Absender von der Wichtigkeit und Richtigkeit seiner Botschaft überzeugt – und vergisst dabei, dass der Empfänger womöglich an einem ganz anderen Punkt steht und erst abgeholt werden will. Hier setzt die «Kommunikation auf Herzhöhe» an. Oft reicht bereits etwas Smalltalk zur Einleitung, um die Kommunikation auf Augenhöhe zu heben. Und noch öfter braucht es mehr. Mehr Interesse, mehr Offenheit und mehr Bereitschaft, sich auf den anderen einzulassen.

 

Wer seine Tür verschliesst, sollte nicht bei anderen anklopfen

Doch wie überwindet man die Distanz zum Gegenüber, ohne ihm zu nahe zu treten? Da Verbindlichkeit keine exakte Wissenschaft ist lautet die Antwort: Sie werden es selber herausfinden müssen, und zwar nach dem Prinzip von Try and Error. Denn während es in anderen Kulturen gang und gäbe ist über Persönliches zu plaudern, tun sich Herr und Frau Schweizer bei Themen wie Familie, Freizeit und Hobbies anfangs gerne schwer. Dabei bringt nichts Menschen näher zusammen, als geteilte Freude und geteiltes Leid. Also: machen Sie den ersten Schritt und erzählen Sie etwas von sich. Keine Angst: Sie sollen nicht ungefragt ihre ganze Lebensgeschichte ausbreiten. Irgendeine aktuelle Kleinigkeit, die sie gerade beschäftigt, tut es auch. Zum Beispiel, dass der Nachwuchs Sie letzte Nacht um den Schlaf gebracht hat und sie deshalb erst mal einen starken Kaffee brauchen. Oder dass morgen Ihre Weisheitszähne gezogen werden und Ihnen der Gedanke schon heute Phantomschmerzen verursacht. Wer etwas von sich preisgibt, wird fassbar und gewinnt Vertrauen. Gut möglich, dass es deshalb nicht gleich zum Vertragsabschluss kommt. Aber man wird sich im richtigen Moment an Sie erinnern, und zwar positiv.

 

Superhelden sind supernervig

Was wir ungefragt von uns erzählen, hinterlässt Eindruck. Aber nicht immer den gewünschten. Wer in seinen Geschichten beispielsweise immer der Beste, Schnellste, Schönste und Klügste ist, findet zwar schnell ein Trüppchen treuer Bewunderer, dürfte vom Rest der Welt aber rasch gemieden werden. Denn nichts ist einschüchternder und nervtötender als mit Wonder Woman oder Iron Man im gleichen Büro oder am Verhandlungstisch zu sitzen. Darum: bleiben Sie lieber Mensch und stehen Sie zu Ihren Schwächen ebenso wie zu Ihren Stärken. Niemand kann ALLES wissen, keiner hat NUR gute Tage. Wer für die Fehler der anderen Verständnis zeigt und zu den eigenen steht, ja sogar über sie lachen kann, holt auf Dauer mehr Sympathiepunkte als jeder Superheld. Wichtiger noch: Diese Art der Souveränität bleibt auch dann glaubwürdig, wenn mal nicht alles rund läuft und kann so in schwierigen Situationen matchentscheidend sein.

 

Auf Umwegen zum Vis-à-vis

Schon diese einfachen Leitgedanken können Ihnen dabei helfen, einige womöglich liebgewonnene Schutzmauern in der Kommunikation zu überwinden und offener, herzlicher und gelassener auf Ihre Mitmenschen zuzugehen. Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass Kommunikation mit Herz am Ende immer belohnt wird, kann ich Ihnen leider keine schnellen Erfolgserlebnisse versprechen. Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn die erhoffte Gegenseitigkeit auf sich warten lässt. Wie in jedem echten Irrgarten findet man den Weg vom Ich zum Du nicht auf Anhieb. Doch immerhin sind einige der häufigsten Stolperfallen bekannt:

  • Sie sagen nicht, was sie denken oder benutzen beschönigende oder ausweichende Formulierungen, die zu viel Raum für Interpretationen lassen. Sie wirken dadurch unsicher, undurchsichtig oder schlimmstenfalls sogar berechnend.
  • Sie haben Angst, Gefühle zu zeigen oder darüber zu reden. Dabei wissen Sie wahrscheinlich bereits aus der eigenen Partnerschaft, wohin dieses Verhalten führt: mitten in die nächste Eiszeit.
  • Sie zeigen kein Interesse. Zwar weiss der andere nach dem Gespräch alles über Sie – sie aber nichts über ihn, weil Sie nicht gefragt haben. Schade, Chance verpasst.
  • Sie sind zu neugierig. Das Gegenteil des obigen Falls. Sie sind ihrem Gegenüber so sehr auf den Pelz gerückt, dass er es gar nicht erwarten kann, sie bald abzuschütteln.
  • Sie klopfen Sprüche. Einen nach dem anderen. Ohne zu merken, dass den anderen das Lachen schon längst vergangen ist. Humor kann zwar ein Türöffner sein. Doch wer über alles und jeden Witze reisst, wird am Ende von keinem ernst genommen.
  • Die Chemie stimmt einfach nicht. Nach den Gründen zu fragen ist sinnlos, es lässt sich nicht ändern und niemand ist schuld daran. Das Glück wartet anderswo auf Sie.

 

Sind Sie jetzt bereit für den ersten Schritt? Dann frisch drauf los! Überraschen Sie andere und sich selbst mit Ihrem Mut zur Offenheit. Ich wünsche Ihnen viel Freude und Erfolg dabei.

Autor
Lindo Ganarin

Lindo Ganarin, Creative Director, BOLD Kommunikation AG «Auch wenn der Mund im Kopf sitzt, sollte er öfter auf den Bauch hören.»